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Die neue 32er-K.-o.-Runde: Schocks, Elfmeterschiessen und der Vergleich zu allen WMs davor

Martin Anderson
Martin Anderson

09 Jul 2026

Die neue 32er-K.-o.-Runde: Schocks, Elfmeterschiessen und der Vergleich zu allen WMs davor

Zum ersten Mal in der WM-Geschichte begann die K.-o.-Phase nicht mit 16 Teams — sondern mit 32. Eine komplette zusätzliche Runde, angeflanscht, damit das 48-Teams-Format aufgeht, und eine, die grosse Teile der Fussballwelt im Vorfeld als Füller abtaten. 24 Spiele später hat dieses Urteil schwer gelitten. Sechzehntel- und Achtelfinale zusammen ergeben die brutalste, überraschungsreichste und torreichste K.-o.-Eröffnung, die eine moderne WM je gesehen hat. Was passiert ist — und wie sich die Zahlen im historischen Vergleich schlagen.

Die WM-2026-K.-o.-Runde bislang in Zahlen

KennzahlSechzehntelfinale (16 Spiele)Achtelfinale (8 Spiele)
Tore gesamt6230
Tore pro Spiel3,883,75
Beide Teams treffen9 von 16 — 56,3%5 von 8 — 62,5%
Über 2,5 Tore11 von 16 — 68,8%6 von 8 — 75,0%
Verlängerung20
Elfmeterschiessen31
Torlose Spiele00

24 K.-o.-Spiele. Kein einziges davon torlos. Ein Schnitt von 3,83 Toren pro Spiel, dazu vier Elfmeterschiessen — für sich allein genug, um die gesamte Elfmeter-Quote jeder WM seit 1994 einzustellen.

Die K.-o.-Runde im historischen Vergleich

TurnierK.-o.-SpieleToreTore pro Spiel
2026 (Sechzehntel + Achtel bislang)24923,83
2022 Katar (ab Achtelfinale)16523,25
2018 Russland (ab Achtelfinale)16472,94
2014 Brasilien (ab Achtelfinale)16352,19
2010 Südafrika (ab Achtelfinale)16442,75
2006 Deutschland (ab Achtelfinale)16301,88

Ein Teil dieses Abstands liegt am Format: Ein Sechzehntelfinale mit 32 Teams zwingt Favoriten und Aussenseiter früher aufeinander, und Aussenseiter, die auf Sieg spielen, produzieren offenere Partien als Aussenseiter, die nur nicht verlieren wollen. Der grössere Teil ist aber einfach der Fussball selbst. Die Chancenverwertung war scharf, tiefe Turnierläufe werden im Elfmeterschiessen erkämpft statt geparkt, und jede einzelne der vier verbliebenen Paarungen hat ein K.-o.-Ergebnis geliefert, das als Vorschau vermessen ausgesehen hätte.

Der Schock: Deutschland raus im Sechzehntelfinale

Die grösste Einzelgeschichte der letzten zwei Wochen war das deutsche Aus in der ersten K.-o.-Runde. Ein wildes 5:5 gegen Paraguay — Deutschland kam von 1:3 zurück, dann von 4:5, dann wieder von 5:5 im Elfmeterschiessen — endete mit dem Paraguay-Sieg vom Punkt, 5:4. Deutschland hatte in drei Gruppenspielen zehn Tore geschossen. Trotzdem war der Turnier-Traum in der ersten K.-o.-Runde vorbei. Es ist Deutschlands frühestes WM-Aus seit 1938.

Der Schock, Teil zwei: Brasilien scheitert an Norwegen

Zwei Runden später folgte das Ergebnis, das die gesamte Auslosung neu zeichnete. Norwegen, zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder bei einer WM, schlug Brasilien 2:1 im Achtelfinale. Erling Haalands Mannschaft hatte in der Vorrunde schon Côte d'Ivoire ausgeschaltet; gegen Brasilien war sie ab Minute eins die schärfere, direktere Seite. Brasilien draussen. Norwegen im Viertelfinale in seinem ersten Turnier seit einer Generation — eine Quote, die im April noch aus dem Raum gelacht worden wäre, ist jetzt ein echter Wettmarkt.

Die Gastgeber: alle drei raus vor dem Viertelfinale

Die WM 2026 ist die erste mit drei Co-Gastgebern. Am Ende des Achtelfinals waren alle drei ausgeschieden:

  • Kanada — 0:3 gegen Marokko im Achtelfinale.
  • Mexiko — 2:3 gegen England, nachdem man zweimal geführt hatte.
  • USA — 1:4 gegen Belgien, die höchste Niederlage eines WM-Gastgebers seit 2010.

Drei Co-Gastgeber, alle als automatische Teilnehmer gestartet, alle vor dem Viertelfinale draussen. Wie auch immer der «Heimvorteil» bei einer Kontinent-WM aussieht — er ist nicht das, was der Markt im April eingepreist hatte.

Marokko schreibt weiter Geschichte

Marokkos Halbfinal-Lauf 2022 wirkte damals wie ein Einzelfall. 2026 waren sie erneut der gefährlichste Aussenseiter des Turniers. Im Sechzehntelfinale kamen sie dreimal von hinten zurück und schlugen die Niederlande 4:3 im Elfmeterschiessen. Im Achtelfinale zerlegten sie Kanada 3:0 auf dessen eigenem Boden. Nächster Gegner: Frankreich, im Viertelfinale — und in dieser Form ist Marokko für keinen ein bequemes Los.

Die Elfmeterschiessen

Vier Elfmeterschiessen in den ersten beiden K.-o.-Runden — Paraguay gegen Deutschland, Marokko gegen die Niederlande, Ägypten gegen Australien und die Schweiz gegen Kolumbien. Zur Einordnung: 2022, 2018 und 2014 produzierten je vier Elfmeterschiessen — über die gesamte K.-o.-Runde. Die 2026er-Auslosung hat diese Zahl bereits vor Beginn des Viertelfinals erreicht. Ägyptens 4:2 im Elfmeterschiessen gegen Australien brachte sie ins Achtelfinale, wo sie in einem echten Klassiker gegen Argentinien mit 2:3 ausschieden. Das 4:3 der Schweiz gegen Kolumbien war das erste K.-o.-Elfmeterschiessen des Achtelfinals — und angesichts des Turnierverlaufs möglicherweise nicht das letzte.

Die verbliebenen Acht

Die Viertelfinal-Ansetzungen:

  • Marokko – Frankreich — 9. Juli
  • Norwegen – England — 10. Juli
  • Spanien – Belgien — 11. Juli
  • Argentinien – Schweiz — 12. Juli

Vier ehemalige Weltmeister (Frankreich, England, Spanien, Argentinien), der amtierende Titelträger (Argentinien, 2022), ein europäischer Riese im Wiederaufbau (Belgien), ein Aussenseiter-Kraftpaket im Lauf (Marokko) und ein WM-Rückkehrer (Norwegen). Der Aussenwettenmarkt hat sich stark verengt: Frankreich und Argentinien führen weiterhin, aber Spanien ist leise in die zweite Reihe gerückt und Norwegen ist der am meisten gesetzte Aussenseiter vor dem Viertelfinale.

Wie unsere Prognosen abgeschnitten haben

Über die 24 K.-o.-Spiele hielt unser kombiniertes KI-und-Experten-Modell eine Trefferquote von über 65% — ein Schritt zurück gegenüber der Gruppenphase, was zu erwarten war, wenn jede Partie auf dem Papier ein Münzwurf ist. Die komplette Bilanz Spiel für Spiel findet ihr in unserem Live-Prognose-Tracker zur WM 2026, aktualisiert nach jedem Abpfiff.

Worauf man im Viertelfinale achten sollte

Zwei Dinge. Erstens: ob der Torschnitt hält. Drei der vier verbliebenen Paarungen — Marokko–Frankreich, Spanien–Belgien, Argentinien–Schweiz — sind Konstellationen, in denen bislang in jedem K.-o.-Spiel beide Seiten getroffen haben, und die «Beide-Teams-treffen»-Quoten preisen das bereits ein. Zweitens: ob Norwegen etwas schafft, was seit 2018 keinem Aussenseiter mehr gelungen ist — ein WM-Halbfinale. Ein Sieg gegen England, und Haalands Team ist ein Spiel vom Endspiel entfernt.

24 Spiele hinter uns, acht vor uns. Nach den Zahlen, die wir haben, ist dies bereits die sehenswerteste K.-o.-Phase jeder WM des Jahrhunderts — und das eigentliche Endspiel-Rennen hat gerade erst begonnen.

Martin Anderson

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Martin Anderson

Sportjournalist und Analyst mit über 10 Jahren Erfahrung in Fußball, Basketball, Eishockey und Tennis. Zuvor veröffentlicht bei The Athletic, 433 und ESPN. Spezialisiert auf Spielvorschauen, taktische Analysen und datengestützte Wetteinschätzungen.

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